Ein sehr interessanter Thread und ein extrem schwieriges Thema.
Ich bin Wissenschaftlerin in der Krebsforschung und dort werden natürlich viele Versuche mit Mäusen gemacht. Bisher habe ich zum Glück immer nur Projekte gehabt, bei denen ich alle Ergebnisse aus der Zellkultur bekommen konnte, aber viele meiner Mitarbeiter arbeiten tagtäglich mit Mäusen.
Ich hätte auch ein Riesenproblem damit, Mäuse zu einer bestimmten Zeit für einen Versuch zu opfern. Daher habe ich immer darum gebeten, ein Projekt zu bekommen, bei dem ich sowas nicht machen muss.
Ohne diese Versuche wüssten wir aber nur einen Bruchteil unseres jetzigen Wissenstandes über vererbbare Krankheiten, Mutationen die zu Krebs führen und wir hätten keinen einzigen Impfstoff.
Um mal zu beschreiben, wie ein Krebsmedikament getestet werden muss (sehr kurz umrissen):
Als erstes muss die Mutation, die zur Entwicklung des Krebs geführt hat, gefunden werden. Dazu arbeitet man mit Krebszellen, die aus einem Tumor entnommen wurden. Diese werden im Labor in Zellkulturflaschen kultiviert. Wenn man schon ungefähr weiß, welche Funktion in der Zelle gestört ist, kann man sich gezielt bestimmte Gene ansehen, in dem man DNA isoliert und diese dann sequenzieren lässt.
Findet man nun tatsächlich in einem dieser Gene eine Mutation, wird man eine intakte Form dieses Gens in die Zelle einbringen und falls es das richtige Gen ist, sollte die Zelle wieder normal funktionieren und sich nicht mehr unkontrolliert teilen.
Man wird dann in einer gesunden Zelle dieses Gen gezielt mutieren und sollte dann anders herum sehen, dass die Zelle anfängt sich unkontrolliert zu teilen.
Als nächstes kann man dann anfangen Medikamente zu testen, die eventuell die unkontrollierte Teilung dieser Zelle hemmen können. Das muss ein Medikament sein, was möglichst nur die Krebszelle abtötet und die gesunden Zellen nicht schädigt. Dafür ist es wichtig, genau zu wissen, warum diese Zelle sich so verhält. Das haben wir aber hoffentlich schon durch die Identifikation der Mutation herausgefunden. In so einem Fall gibt es sehr spezifische Medikamente (z.B. Antikörper, die dann ein 'kaputtes' Protein binden und es so inaktivieren). Solche Medikamente kann man nicht in einer Zellkultur testen, da Zellen in der Zellkultur ja nicht mehr Teil eines Organismus sind und es sehr wichtig ist herauszufinden, ob es Nebenwirkungen gibt und wie schnell das Medikament abgebaut wird (um zu etablieren, wie oft es gegeben werden muss).
Es wird aber nicht einfach so alles an Tieren getestet. Es gehen jahrelange Versuche in der Zellkultur voran, bis man dann irgendwann ans Tiermodell gehen kann.
Zudem gibt es an jeder Uni und jedem Forschungsinstitut Tierställe in denen die Tiere leben. Es sind eine ganze Reihe von Tierpflegern angestellt, die den Wissenschaftlern sehr genau auf die Finger schauen und das Wohl der Tiere über die Versuche stellen. Wenn das Tier leidet, wird der versuch abgebrochen.
Jeder Wissenschaftler muss einen 'Tierkurs' absolvieren, in dem er genau lernt, wie er mit den Tieren umzugehen hat.
Ich selber habe auch letztens von einer befreundeten Wissenschaftlerin gehört, dass sie im Tierkurs gelernt hat Blut bei Katzen abzunehmen. Die Vorstellung, dass Katzen in Käfigen gehalten werden, ließ es mir auch kalt den Rücken runter laufen.
Also, wie gesagt, ich kann mir auch nicht vorstellen, jemals auch nur eine Maus für einen Versuch zu töten, aber Fakt ist, dass wir ohne diese Versuche keinen einzigen Impfstoff und kein Medikament hätten. Das muss man einfach im Hinterkopf behalten.
Es geht sehr viel Geld in die Erforschung von Alternativen. Das ist aber kein einfaches Unternehmen, da man ein Modell finden muss, was den menschlichen Stoffwechsel ziemlich genau wiedergibt. Medikamente werden ja im Körper abgebaut und manchmal ist ein Abbauprodukt eines Medikaments toxisch. Auch muss man testen, wie viel man von einem Medikament/ Impfstoff geben kann, bevor es toxisch ist. Für so etwas braucht man einen funktionierenden Stoffwechsel.
Das heißt, das was im Moment stattfindet, ist quasi der Versuch eines Mittelweges: Solange es keine geeigneten Alternativen gibt, werden Tierversuchen sehr strenge Auflagen erteilt und diese werden durch die Tierpfleger forciert. Man muss für jeden Tierversuch einen sehr detaillierten Antrag schreiben und bevor dieser genehmigt ist, darf nichts getestet werden. Sobald es eine Alternative gibt, wird diese auch genutzt werden, denn Tierversuche sind mit sehr hohen kosten verbunden.
Das Tiere von der Straße eingefangen werden, ist für solche Versuche unvorstellbar. Man würde riskieren jedes Tier im Tierstall mit Krankheiten, Parasiten und Ungeziefer zu infizieren. Es wäre unmöglich darüber Herr zu werden.
Man kennt die genetische Ausstattung des Tieres nicht. Man müsste das Genom jedes einzelnen Tieres sequenzieren, was jeden finanziellen Rahmen sprengen würde.
Das Tierheimkatzen für die Studie der Uni Gießen als Träger verwendet wurden, finde ich ehrlich gesagt nicht dramatisch. Es wird in jedem Tierversuch darauf geachtet, dass die Tiere so wenig Stress wie möglich haben. Und es ist für die Entwicklung eines Impfstoffes notwendig mit betroffenen Tieren zu arbeiten. Was wäre die Alternative gewesen? Hätte man gesunde Labortiere mit der Krankheit infizieren sollen? So konnten die Tiere scheinbar in ihrer gewohnten Umgebung leben (mussten nicht dauerhaft in Laborkäfigen leben) und wurden nur für die erforderlichen Untersuchungen 'gestört'.
Hoffentlich ist das nicht zu lang geworden. Genau wie Frau Flausch hoffe ich, das ich nichts unvorsichtig formuliert habe... Bitte nicht böse werden :???: