Weiter geht’s mit Lisa.
Wir saßen also mit dem geläuterten Billy weiter in der feinen Wohnung und steuerten täglich Sabinas Bar an für soziale Kontakte und so. Eines Tages liefen wir ihr nichts ahnend in die Arme. Diese ihre Arme waren schon besetzt – von einer kleinen, na das ist nicht schwer zu erraten. Schwarz mit weiß und trübe, olivfarbene Äuglein. Erst dachte ich mir wirklich nichts. Sabina war eine Katzen-Närrin, von denen es auch in Italien einige gibt; sie fütterte täglich die im ganzen centro storico hausenden Fellis. Zu Hause lebte sie mit 12-20 auf einem großen, eingezäunten Grundstück. Aha, deshalb fuhr sie einen uralten Golf und gönnte sich auch sonst nichts, trotz sehr gut florierender Bar.
„Ob ihr eine Katze habt oder zwei, das macht gar keinen Unterschied, und besser ist es für den Billy auch.“ Ich hatte keine Chance. Versucht habe ich es, so gut mein Englisch es brachte, aber Kiki funkelte schon kampfbereit, und ich sah eine düstere Zukunft vor mir.
ICH HATTE MIR NACH MANNES UND HUNDES TOD FEST GESCHWOREN: NIEMALS MEHR EINEN PFLEGEFALL, NIEMALS MEHR EIN HAUSTIER!!!
Die trüben Katzenaugen, erklärte Sabina, sind der Mangel an ‚espressione‘, es fehlte ihnen der Ausdruck, der erst kommt in Gesellschaft von Menschen. Dieses Kätzchen hatte während des Winters im Garten des Hotels gegenüber gelebt, von Sabina versorgt, aber nun, da der Frühling kommt, wird das Haus wieder geöffnet, und die Katze vertrieben werden. DAS können wir nicht akzeptieren!
Minuten später trottete ich hinter Kiki her, die eine völlig brave Lisa auf dem Arm trug, in Richtung Wohnung.
So was von gelungener Zusammenführung muß man erlebt haben - keine drei Minuten herumkreisen und schnuppern, und dann sofort die große Liebe!
Lisa, 13 Jahre später
Der Frühling kam, wir packten unsere Siebensachen, um nach Deutschland zurückzufahren. Dort besaßen wir nichts mehr, aber wie es so geht, war mein Sohn gerade aus seiner Wohnung ausgezogen, die Kündigungsfrist noch nicht abgelaufen, und wir machten den fliegenden Wechsel. Sehr schnell bekamen wir dann eine hübsche Mietwohnung (was einer Beamtenwitwe im besten Alter immer gelingt), besorgten uns ein paar gebrauchte Möbel, und genossen die Heimat. Die Katzen genossen einander, sie klebten zusammen, sonnten sich begeistert auf dem Balkon und waren sehr zufrieden.
Was der Vermieter ja nicht wußte, daß wir nur ein halbes Jahr bleiben würden, denn Italien rief schon wieder. Tja, die Traummieter waren wir wohl doch nicht.
Mit zwei Katzen im Korb wollten wir lieber nicht die obligatorische Hotelübernachtung auf halber Strecke einschieben, sondern fuhren die Nacht durch. Um 7 Uhr früh, als Sabina die Bar aufschloß, standen wir auch schon da, und sie traute ihren Augen nicht! Dann ging es zu Renato, die Katzen konnten sich strecken, und wir nahmen unser dolce vita wieder auf. Allerdings war ja klar, daß wir mit zwei Fellis nicht dort bleiben können. Also übten wir, Wohnungsanzeigen auf italienisch zu lesen.
Nach einigem Herumfahren und Erfahrungen sammeln, landeten wir beim Angebot eines Maklers, der uns sofort sehr sympathisch fand. Er telefonierte mit dem Vermieter in Rom, der wollte kurzzeitig rüberkommen (150 km), und innerhalb zwei Tagen waren wir schon Mieter einer echten italienischen Wohnung, wie sie schöner nicht hätte sein können!
Renato bedauerte unseren Auszug sehr, wußte nun aber von den Katzen und verstand es natürlich. Er steuerte einen Kühlschrank bei und brachte ihn sogar zu uns hin. Von dem Traumstädtchen zur neuen Bleibe waren es 20 Minuten Fahrt, in ein sehr bekanntes Dorf mit einem phantastischen Klima, viel Grün und Ruhe.
Wir hatten das letzte Haus an einer fast unbefahrenen, kleinen Straße, und unsere Zwei durften raus, wann immer sie wollten. Vom Erdgeschoß über ein Brett am Balkon, und hopp, in die Natur. Oder zu den Nachbarn. Ich sah Billy einmal im Nachbarhaus verschwinden, es steht ja überall alles offen, es dauerte eine Weile, dann tauchte er an der rückseitigen Terrasse wieder auf. Dazwischen hatte er wohl die ganze Hausbesichtigung, und niemand schien ihn bemerkt zu haben.
So ging es uns allerdings auch. Daß in der EG-Wohnung nun ein neuer Futterplatz für alle Katzen, die sich trauten, eingerichtet war, sprach sich herum. Wir wunderten uns, was an Futter wegging, bis wir eines Abends in der Küche saßen, während frech wie Oskar ein Fremdling hereinkam, um die Näpfe zu inspizieren. Er hat uns völlig ignoriert.
Kiki wußte natürlich Rat. Man müsse die Streunerkatzen draußen füttern, dann kämen sie auch nicht rein. Aha. Klar. Warum nicht. Machen wir eine Futterstelle für alle umbrischen Katzen auf. Ich glaub, ich spinne!!!
Hat von euch schon mal jemand versucht, sich mit einem Weib anzulegen, das Katzen betutteln MUSS? Da ist nichts zu machen, das ist wie ein Wahn, eine Krankheit, da zählt nichts anderes. Und daß alles aus meiner Schatulle finanziert wird, ist doch voll ok. Was würde ich denn sonst mit meinem Restleben anfangen, hä?
Ich habe keine Ahnung, wie wir das gemacht haben, ich hab’s verdrängt. Es kamen täglich so 15 Katzen zum Bufett, saßen erst im großen Kreis auf dem Garagenhof und warteten gesittet, bis Kiki mit den Eimern kam. Ich wähnte mich im Irrenhaus oder einem SF-Film.
Einmal fuhr ich allein zum Einkaufen im Supermarkt des Städtchens. Das Wetter war, wie so oft, phantastisch, die Luft, ach, wie sie halt in Italien ist, und ich bester Laune. Da sah ich auf dem Parkplatz an einer Hintertür, wo sich viele Kartons stapelten, einen Mann, der eine kleine Katze verscheuchte. Das war nicht so einfach, weil die sich versteckte. Schließlich ging der Mann wieder an seine Arbeit, und die Katze kam raus. Ich schaute nach ihr, sie war noch jung, und sie konnte ja nirgends hingehören, da war nur der Supermarkt, der große Parkplatz und die Straße, sonst nichts. Die Fellnase baute sich vor mir auf, als wenn ich der einzige Mensch auf der Welt wäre, und sagte laut und deutlich: „Määäääh!“
Hm. Naja. :???:
Ähm. Ich sprach dann auch zu ihr. Also, wenn du freiwillig ins Auto kommst, nehme ich dich mit. „Määääh!“
Ich drehte mich um, ging zum Auto, und sie neben mir. Ich machte die Beifahrertür auf, sie hopste rein wie ein Hund, der nichts anderes kennt. Setzte sich vorn auf dem Boden und blieb da. Kein Mäh mehr, und ich fuhr zur Wohnung.
Eine fremde Katze hat Flöhe und Schlimmeres, die kommt mir nicht in die Bude. Also: Du wartest hier! Ich hole Futter. Drinnen schaute Kiki, weshalb ich wohl Futterschale und Napf nach draußen trug. Das war leicht erklärt. Die Katze kann ja im Garten bleiben und bekommt zu essen wie die anderen Streuner auch. Die mampfte (nach klarem „Määääh!“) derweil die zweite Schale, und der Bauch rundete sich schon. Täh, sowas.
Also geklärt; ich drehte mich um, wollte reingehen. Katze hinterher. Ich erklärt, warum es nicht geht. Määäääh! Nein! Määääh! Bis zur Wohnungstür! Blöd. Blöd! Daß ich mich immer wieder belatschern lasse. Sie war drin.
Billy fand sie nett, Lisa war es egal. Dann kam das Übliche, Würmer Flöhe, kastrieren. Fortan saß sie jeden Abend auf Kikis Knien, das süße Schnutengesicht mir zugewandt, hoch zufrieden und immer freundlich. Das hat sich bis heute nicht geändert. (Nur Kiki, die lebt schon lange woanders.) Und Katze hatte ihren Namen: MÄÄÄÄÄdi.
Mädi, 13 Jahre später