Purzels Mordversuche
Alles hätte ja schön und geregelt sein können – aber was war in den Purzel gefahren? Kaum war aller Streß vorbei, griff er die süße kleine Neue an. Sie war wirklich eine halbe Portion, aber wunderschön! Ein schillernd fuchsfarbenes Fell in verschiedenen Rot- Gold- und Brauntönen. Aber noch hinreißender waren die Augen: wirklich
golden! Daß es so was gibt, hatte ich vorher nicht gewußt. Wir nannten sie Foxi.
Purzel war derart aggressiv gegen sie, daß wir ihn nicht wiedererkannten. Erziehung fruchtete gar nichts. Um sie zu retten, mußten wir ein Zimmer schließen und sie dort einzeln halten. Täglich mußte jemand von uns dort verweilen, ihr Gesellschaft leisten, mit ihr reden und schmusen… das machte Kiki, die dort ihren Computer aufbaute.
Der Kater war so irre, daß er Unmögliches fertigbrachte: Die Balkontür ließ sich einen Spalt öffnen und dann arretieren, damit Luft ins Zimmer kam. Sie war ja schwer, und ich hätte sie aus der Stellung keinen Zentimeter verschieben können. Aber im Zimmer gab es Geschrei – Purzel war drin! Er hatte es geschafft, vom Balkon aus die Tür so weit reinzudrücken, daß er durchging! Wie gesagt, ganz unmöglich. Mit irrem Blick tobte er herum, die arme Kleine natürlich völlig fertig.
So ging das nicht weiter. Wir schauten nach einem neuen Plätzchen für Foxi. Durch eine Bekannte hörten wir von einem jungen Mann in einer 4-Zimmer-Wohnung, der gern eine Katze hätte. Wir sind mit ihr hin, uns die Lage anzuschauen und mit dem Mann zu sprechen. Er war wohl ein Einzelgänger, aber ruhig und freundlich. Den Trick mit der Matratze fand er gut. Platz war genug, und eine schüchterne, ruhige Katze war ihm grad recht. Nach einigem Reden machten wir es so.
Die Bekannte sah den Mann ab und zu und berichtete Gutes von den beiden. Wir wollten sie nicht besuchen, vielleicht machte ihr das ja Streß. Aber wir telefonierten auch, und es schien alles ok. Etwa drei Monate später rief uns die Bekannte an und meinte, der Mann wolle sie nicht mehr. Nanu? Was sollte das jetzt? Dann kam eine SMS von ihm, er würde Foxi die Freiheit wiedergeben, sie sei unglücklich und kümmerte sich nicht um ihn – so’n Obersch….! Der war irgendwie gestört, der Typ.
Wir sind sofort ins Auto und zu ihm hin. Wenigstens hatte er Foxi noch nicht in „Freiheit“ entlassen, der Irre! Aber was war mit der Katze? Dünn, trübe Augen, offensichtlich vernachlässigt, hungrig, zu wenig getrunken, das war eine Katastrophe! Und immer hatte es geheißen, es ginge ihr gut. Was der Mann darüber erzählte, war ein einziger Schwachsinn, und alles lag nur an Foxi, denn er habe das Beste getan.
Zu Hause habe ich mich nach dem Essen und Trinken in ihr Zimmer gesetzt, sie in meinen Pullover gesteckt, mit den Händen an meinem Herzen gewärmt und stundenlang so mit ihr gesessen, bis wieder Leben in sie kam.
Sie hat es überstanden, körperlich sowieso, aber auch psychisch. Noch war die alte Situation dieselbe. Wir konnten nur in das Zimmer, wenn Purzel daran gehindert wurde, seine schändlichen Absichten durchzuführen.
Aber nichts bleibt, wie es ist. Bei uns stand ein Umzug an, diesmal, um mit weiteren Frauen ein Haus als WG zu teilen. Das Haus hatten die schon, und wir sind dazugezogen. Nun gab es wieder Freigang für fünf, aber nicht für Foxi. Sie blieb weiter extrem schüchtern, lag tagsüber nur in ihrem sicheren Korb in Kikis Zimmer und wurde dort versorgt. Weggeben wollten wir die Kleine nicht wieder, auch wenn das alles nicht toll war. Foxi bekam auch nicht mit, daß sich das Haus weiter füllte, es waren zwei Männerstimmen dabei – und ein Kater. Das Haus wurde zu klein.
Der neue Umzug
Aber die Eingreiftruppe hatte es schon bedacht. Zackzack lasen wir das richtige Hausangebot: viel zu teuer, viel zu groß, sollte das ein Problem sein? Natürlich nicht, und der Eigentümer war von uns beeindruckt (echt! Ich gebe nicht an!), und wir offensichtlich seine Traummieter. Die Katzen hat er nicht gezählt, die waren ihm egal.
Wie immer es auch ging, es ging. Wir konnten alles bezahlen, es kamen immer wieder neue WG-Mitbewohner, auch mit Kater, und sie brachten auch Probleme (beide, die Bewohner und die Kater). Diese Phase dauerte fast drei Jahre, und ich erwähne nur das Wesentliche, das meine Italiener betrifft. Sie bekamen zum ersten Mal eine Katzenklappe zu sehen, benutzten sie aber, als hätten sie das seit Geburt gekannt. In dieser Zeit starb mein Billy, deshalb überspringe ich gern einiges. Ebenso die Zeit, als eine Mitbewohnerin mit 46 Jahren einen schweren Schlaganfall erlitt. Zum Glück konnte die Reha vieles verbessern, und sie blieb bei uns, bis heute.
Mit Kiki endete die Zeit, sie zog zu Mutter und Sohn, ziemlich weit weg. Foxi nahm sie mit, das war gut für alle. Damit hatte ich nicht nur NICHT
KEIN Haustier, sondern deren fünf UND einen Pflegefall. Soviel zu den Fähigkeiten der „Eingreiftruppe“, die sich offensichtlich auf kleine Autos und schöne Wohnungen beschränkte.
Von den mittlerweile drei Männerstimmen, die wir im Haus dann hatten, sollte keine übrigbleiben. Alles war etwas unerfreulich, und es kostete auch eine Menge Geld, sowohl als sie da waren, und auch, um sie wieder loszuwerden.
Nun war das Haus wirklich zu teuer, und obwohl es behindertengerecht gebaut war und überdies sehr schön, wollten wir nicht bleiben und auch nicht nach neuen WG-Mitgliedern suchen. Aber es ist ja nicht leicht, mit vier Katzen und einer Gehbehinderten etwas Passendes zu finden.
Diesmal dauerte es auch ein paar Wochen, bis das geschafft war. Ein Internet-Angebot sah sehr nett aus. EG, Garten, sehr groß, ziemlich neu und bezahlbar. Wie das? Weil es uff’m Dorf war. Ich und Dorf?! Das war die dritte Bedingung meiner Lebenseinstellung:
Nie auf’s Dorf!
Aaaber – beim ersten Telefonat war die Vermieterin sehr überrascht, als sie meinen Namen und die Vorstellung hörte! Ach, ob ich wohl die Frau… sei, die bla bla, ja genau. Ja, ihre beste Freundin hatte mal bei mir und Mann gearbeitet, die hatte natürlich über mich bestens bescheid gewußt, und dadurch wußte auch die Vermieterin alles. Die Welt ist kleiner als man denkt. Nun, mein Ruf war offenbar nicht ruiniert, und sie sagte, diese Wohnung hätte ich schon, wenn ich sie wolle.
Die erste Besichtigung dauerte Stunden und ich bekam die ersten echten Magenkrämpfe meines Lebens. Tee half nicht. Endlich fuhren wir nach Hause, Freundin in die Notapotheke, denn es war grauenvoll. Seitdem weiß ich, daß nur buscopan (laut Apotherkerin) bei sowas hilft, und nicht iberogast, wie mir der Not-Hilfsarzt am Telefon verkündet hatte. Ihr habt Probleme mit TÄ??? Ha!
Jedenfalls glaube ich, das kam von der Endzeitpanik, die mir das Dorf machte. Hier ging also mein schönes Leben zu Ende, verrottet und verfault in der Pampa. Meine zweite Heimatstadt im Allgäu war immerhin 8 km weit entfernt!
Im alten Haus machte ich eine Liste, die mich sehr niederdrückte. Es gab
zehn Gründe, daß die Katzen dort nicht einziehen würden können. Katzenklappe unmöglich, einen anderen Zugang gab es auch nicht. Straße führte am Haus vorbei… den Rest weiß ich jetzt nicht mehr. Wir beschlossen, allen Katzen ein neues Heim zu geben, und zwar bei unserer Bekannten, Herta. Die lebte nicht weit weg, besaß ein Riesengrundstück, Haus und ca. zwölf Katzen. Auch so eine… Jedenfalls lebte sie nur für ihre Tierchen, und durch die Nähe könnte man bei diesem und jenem behilflich sein, und zahlen würden wir die Unterbringung auch. Herta nahm uns eine große Last ab, als sie am Telefon spontan zusagte! Dann kam sie noch zu Besuch zum Kennenlernen und blieb bei ihrer Zusage.
Ich beobachtete Herta und die Katzen und mir wurde mulmig. So bin ich nie an Lisa rangegangen, und sie mochte es auch nicht. Aber nun, Herta hatte seit vielen Jahren viele Katzen, vielleicht weiß sie es besser als ich. Ich habe ja nicht wirklich Ahnung.
Wir verabredeten die Übergabe für nächste Woche.
Unsere Katzen ahnten was. Sie waren ruhiger als sonst, irgendwie anders. Traten vorsichtig auf. Guckten mich komisch an, bildete ich mir ein. Ich wurde täglich unruhiger und grübelte; andererseits gebe ich ehrlich zu, daß ich auch Erleichterung fühlte bei der Aussicht, mal wieder ein Leben ohne diese ständige Verpflichtung zu führen.
Als der Übergabetag dran war, und Herta mit Begleitung eintraf, brach es in mir zusammen. Doch, es gibt für jedes Problem eine Lösung! Zehn Probleme, zehn Lösungen. Das sagte ich Herta, wir hätten für jeden Grund, die Tiere auf keinen Fall mitnehmen zu können, einen Weg gefunden, es doch möglich zu machen. Woher mein Sinneswandel kam? Ich konnte mir Herta und die Katzen nicht zusammen als Dreamteam vorstellen. Sie war so anders als ich. Ganz anders! Dabei hatte ich keinen Grund, mir auf mein Sosein was einzubilden; ich hatte vieles falsch angegangen, und sicher mehr noch, ohne es zu wissen. Aber ist nicht eine mittelmäßige Mutter immer noch besser als eine Fremde, die vielleicht mehr weiß? Und ob das auch stimmt? Nein, es ging nicht, mein Inneres konnte sie nicht abgeben. Herta war umsonst gekommen. (Nicht ganz umsonst, ich habe mich mit einer großen Spende für ihren guten Willen bedankt.)
Katzen sind telepathisch, das steht für mich fest, seit Billy es mir bewiesen hatte. So was von brav kann sich keiner vorstellen! Sie waren die reinsten Engel. Zwei Umzugstage mußten sie überstehen, den Lärm, die vielen Männer und dann die neue Wohnung. Am Abend war es geschafft, sie durften aus dem Bad und gucken, was los ist.
Ich sage euch: Es gab von diesem Tag an nicht das geringste an den Vieren auszusetzen! Sie benahmen sich wie die Fürstenkinder, baten freundlich um Ausgang – Terrassentür auf –, setzten sich nach dem Rundgang ruhig vor die geschlossene Tür (es war ja Winter), bis sie sich wieder öffnete. Was natürlich innerhalb der nächsten Minute geschah. Kein Kratzen, kein Meckern. Die Straße mieden sie wie die Hölle, da fuhren so Ungetüme vorbei, das war schockierend! An den Garten schloß sich freies Feld an, so gab es genug Bewegung.
Hier findet die Geschichte der Italiener erst einmal ihr Ende. Den Süßen geht es gut, bis auf wenige Zahn-OP. Unsere Schlaganfall-Bewohnerin ist sehr zufrieden mit der Busverbindung; sie hat geübt, damit in die Stadt zu fahren, lernte eine Menge Leute kennen und besucht ihren Stamm-Italiener fast täglich auf einen Capuccino. Sie war nicht in Italien, lernte aber in den letzten Jahren die Sprache viel besser, als ich sie je konnte – aus reinem Spaß. Die dritte im Bunde ist die Köchin, Gott segne sie! Anbetungswürdige Geschöpfe, diese Menschen, die mit Begeisterung täglich drei verschiedene Menüs herrichten, Brot backen, Kuchen und traumhafte Desserts herstellen, schon beim Frühstück kreativ vor allen anderen in den Tag springen, die Katzen versorgen und dann frische Aufstriche mixen, die Tomate für den Pimpel (mich) und die Paprika SCHÄLEN! Zum Dorfmetzger spazieren für die allfälligen Sonderwünsche, und zum Einkaufen fahren, den Müll wegbringen, die Eier wöchentlich vom Bauern holen… Ach, ja das mußte ich auch mal sagen.
Nun aber noch einen Gruß von den lieben Kleinen:
Lisa (14), Mädi, Hase und Purzel (alle 13)
Um weitere Fotos werde ich mich bemühen und danke allen für die freundliche Aufnahme dieser Geschichte!
Das glaub ich nicht! Du hast doch in Italien gelebt!
Ja, aber ich bin sowas von faul! Und die "Kiki" war sehr sprachbegabt. Warum sollte ich also Grammatik pauken? Für den kleinen Alltag hat es so gereicht. Und die Italiener sind ja sooo nachsichtig und freuen sich über jedes Wort, das ein Ausländer rausbringt!