Pheeeew, das war ein langer Tag. Ein langer Tag fernab von den Katzen, aber fast keine Stunde, ohne an sie zu denken.
Ich habe überhaupt keine Worte dafür, wie schön es ist, sie hier zu haben.
Ich habe auch keine Worte dafür, wie schön es ist, dass es Mimi besser geht.
Ich habe mir ja sehr hart antrainiert, den Helicopter einfach mal stehen zu lassen. Meist funktioniert das auch ganz gut.

Aber ihre Krankheit war jetzt halt echt schon... ja, doch, sehr heftig. Sie hat ja bloß geschlafen. Sie wollte nicht fressen. Medikamente waren zum Teil überhaupt nicht mehr in sie reinzukriegen und wir mussten uns sehr zusammenreißen, um es zu forcieren. Und Mimi schaute so traurig und kraftlos. Wollte nix, machte nix, lag da nur. Das hat schon sehr Bauchschmerzen bereitet, Kopfschmerz noch gleich dazu. Herzschmerz

ebenso.
Ihre Kraftlosigkeit steckte uns sozusagen ebenfalls in den Knochen.
Man sagt immer so schön, was einen nicht umbringt, macht einen härter. Ich kann das nur zum Teil bestätigen. Achtung, something looooong from the heart

:
Wie man das so kennt, können Kinder grausam sein. Natürlich wurde ich als Kind gehänselt. Weil ich die Kleidung meines Bruders tragen musste, da meine Eltern einfach nicht das Geld hatten, um mir eigene zu kaufen. Weil wir als einzige Familie im gesamten Dorf in einem Mehrfamilienhaus lebten.
Meine Eltern konnten sich nicht so um meinen Bruder und mich kümmern, wie sie das gern gemacht hätten, weil die Krankheiten, unter denen beide leiden, sie einfach zu viel Kraft gekostet haben. Sie waren (fast) immer für seelische Unterstützung und das Vorbereiten des Essens, sobald wir aus der Schule kamen, da. Für wirklich Aktives und
immer da sein, reichte es einfach nicht. Also mussten wir uns selbst durchboxen: gehänselt, verprügelt und bespuckt werden. Ich habe viele meiner Kindheitsfreunde verloren, weil deren Eltern nicht mehr wollten, dass diese mit mir spielten - wegen einer Sache, die jemand aus der Familie getan hat. Wie soll ein Kind das verstehen, wenn die beste Freundin einem einen Zettel zusteckt, auf dem steht "Ich werde immer deine Freundin sein" und dann am Arm von der Mutter von dir weggezogen wird, sie daraufhin nie wieder mit dir spricht?
Weiterführende Schule? War jetzt auch nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Mobbing Phase 2, wie ich es betiteln würde. Weil ich die Kleidung meines Bruders tragen musste. Weil ich Musik gehört habe, die sonst niemand aus der Klasse hörte. Weil ich ein bisschen... dick war

Weil wir in einem Mehrfamilienhaus lebten. Weil ich kurze Haare hatte (ja, richtig gelesen. Kommen wir noch zu. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, es einmal loszuwerden). Weil meine Eltern nicht in irgendwelchen Vereinen waren. Weil mein älterer Bruder keinen Alkohol trinkt und demnach nicht gern auf Saufpartys geht.
Zu allem Überfluss erwuchs etwas in mir, was ich nicht zuzuordnen wusste. Pubertät ist ja schon doof genug, aber irgendwie habe ich mich
besonders doof gefühlt. Das würde ja aber jeder Teenager sagen, habe ich mir eingeredet. Also lebt man damit und stopft sich in irgendein Bild, was alle anderen erfüllt sehen wollen, damit sie dich in Ruhe lassen.
Äh, falsch gedacht. Hat nicht so super funktioniert. War es nicht die eine Sache, fanden sie eben eine andere, um dich fertig zu machen. Später, in der Oberstufe, sprang mein Sportlehrer auf diesen Zug auch noch mit auf und fing an mich zu mobben. Ja, zu mobben. Ich konnte mich aber an niemanden wenden, weil alle Mitschüler fanden ihn ja sooooo toll und cool mit seinen Sprüchen - Sprüche, die mich einfach nur jedes Mal völlig fertiggemacht und erniedrigt haben, obwohl es mir mit mir selbst und mit dem Mobbing der Mitschüler schon schlecht genug ging.
Ende vom Lied: Ich konnte nicht zu meinen Abschlussprüfungen für's Abitur. Ich wollte gerade hoch zur Schule, habe mich an all das erinnert, was er zu mir gesagt hat, wie er sich hinter meinem Rücken mit anderen Schülern über mich kaputt gelacht hat - ich habe mich übergeben, bin auf dem Weg zusammengebrochen und später heulend nach Hause. Nachprüfung? Da war überhaupt nicht dran zu denken. Ich konnte einfach nicht mehr. Mein Kopf ist Tag für Tag explodiert, mein Magen machte nur Faxen, ich konnte nichts essen, nicht schlafen - nichts mehr.
Also gut, also gut... Erstmal runterkommen. Kopf frei kriegen und - ja, was machste nun eigentlich mit deinem Leben? Hm... Sortieren. Welche Optionen habe ich? Mit einem Abgangszeugnis nicht viele... Egal, erstmal auf alle möglichen Ausbildungsplätze bewerben. Keine Rückmeldung. Absage. Absage. Absage. Keine Rückmeldung. Keine Rückmeldung - man kennt's.
Zwei Jahre ohne Ziel. Zwei Jahre nur versacken. Zwei Jahre
noch weniger auf die Kette bekommen, weil einfach der geregelte Tagesablauf mit einem
Zweck fehlte. Und dann war da ja noch dieses Gefühl. Dieses beschissene Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, habe mich in meinem Zimmer verkrochen und gebetet, dass es doch endlich vorbei ist - dieses Unwohlsein. Die Unstimmigkeit mit mir selbst. Ich schaute in den Spiegel und dachte "Das bin nicht ich", wusste aber nicht WIESO. Bis... eines Tages... ich jemanden kennenlernte, dem es ähnlich ging. Der mir sagte, was es sein könnte, weil es bei ihm genau dasselbe war. Trans*. Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen und habe mich seit etwaiger körperlicher Veränderungen beschissen gefühlt. So RICHTIG beschissen. Andere kamen doch auch irgendwann mit der Pubertät zurecht - warum ich nicht? Warum schaffe ich es nicht, unter Leute zu gehen und selbstbewusster aufzutreten, obwohl gerade meine Mutter mir immer so den Rücken gestärkt hat, dass ich kraftvoll genug dazu sein müsste?
Weil es nicht ich war. Weil ich nicht ich war. Ich habe mich in eine tolle Rolle gedrängt, in der mich die Hinterwäldler-Mitschüler sehen wollten. Ich hatte überhaupt keine Chance, zu mir selbst zu finden, weil ich doch bloß meine Ruhe vor diesen - Verzeihung - Idioten haben wollte. Und selbst wenn das nicht gewesen wäre, wie zur Hölle hätte ich darauf kommen sollen? Trans* war
nie irgendwo ein Begriff für mich. Weil es niemanden betroffen hat - oder sagen wir vielleicht besser: es hat niemand offen kommuniziert. Auch da: wie auch? Wollte keiner was von hören, wollte keiner was von wissen (außerhalb und teilweise innerhalb [meiner/]der Familie). Alles, was "nicht normal" ist, wurde geächtet. Wieder und wieder, bis man sich so angepasst hat, dass man einigermaßen in irgendetwas reingepasst hat, was nicht "komisch" war.
Dabei habe ich mich selbst verloren. Und mein Selbstbewusstsein - sogar ganz wörtlich. Das Bewusstsein darüber, wer ich selbst überhaupt bin. Es hat wahnsinnig viel Kraft und Zeit gekostet, Dinge zu verarbeiten und überhaupt wieder auf andere Menschen zugehen und ihnen in irgendeiner Art und Weise vertrauen zu können. Es hat wahnsinnig viel Zeit gekostet, mich überhaupt selbst zu finden - wo bin ich gerade und wo will ich hin? Wer will ich sein? Nein, wer bin ich denn? Es hat wahnsinnig viel Zeit und daraufhin Kraft gekostet, in der lang ersehnten Ausbildungsstelle ehrlich zu sein, um endlich an mir selbst mit therapeutischer und medizinischer Hilfe arbeiten zu können. Mich nicht mehr verstecken zu müssen.
Dem. Himmel. Sei. Dank. 10000000000 mal, dass ich in der Ausbildung eine Klasse hatte, die hinter mir stand. In der niemand und ich meine wirklich NIEMAND wegen etwas angegangen worden ist, was einfach zu ihm/ihr gehörte. Jeder durfte sein wie er/sie wollte, ohne dafür verurteilt zu werden. Geweint haben sie mit mir, als ich ihnen mit Klassenlehrerin und Sozialarbeiterin an meiner Seite geschildert habe, was Sache ist.
"Ich bin nicht 'Janina'. Ich bin Joshua."
Fast 25 Jahre meines Lebens waren vergeudet, ehe ich es überhaupt
beginnen konnte. Mit dem Wissen, wer ich bin. Mit dem Selbstbewusstsein, das mir durch meine Familie eigentlich über all die Jahre an die Hand gegeben worden ist. Bis zu dem Zeitpunkt war es unbrauchbar. Jede Bewegung tat seelisch weh, weil ich merkte, dass ich Dinge an mir habe, die nicht zu meinem Körpergefühl gehören. Jeder Blick von anderen Personen tat weh, weil ich wusste, es sieht mich nie jemand so, wie ich bin. Alles tat weh. Immer. Verkriechen und warten war die einzige Option, die mir gegeben war, ehe ich ENDLICH herausbrechen konnte. Ehe ich ENDLICH ich sein durfte und auch konnte.
Ärgert es mich heute, dass ich nicht früher diese Kraft hatte? Klar.
Hätte es Momente gegeben, die ich heute anders handhaben würde, um schneller voranzukommen? Sicher.
Es hat nicht sollen sein - und damit muss ich nun leben.
Ich wollte aufholen, was ich verloren hatte. Hat gut funktioniert - ehe mich COVID-19 und damit ein Fernstudium, das liebevoll Distanzlehre genannt wird, wieder zurückgeworfen haben. Ich kam einfach nicht damit klar. Ich habe mich bewusst nicht für ein Fernstudium entschieden, auch wenn dort etwaige Bildungsgänge eher das gewesen wären, was ich hätte machen wollen. Na jaaaa....ich hatte ja noch meinen neuen Job, damit ebenso was für den Lebenslauf - und Mimi

Dachte ich. Blöd nur, dass die Zahlen so hochschnellten, dass ich im tollen neuen Job nicht mehr so oft gebraucht wurde. Tschüss, Geld. Na ja, aber ist halb so wild. Wir haben ja alles gut durchgeplant und........ Uppsi, Mimis Gesundheit macht Probleme und es hört und hört nicht auf. Ach, wir haben ja Ersparnisse und........ huch, wo sind die denn nun alle hin?
Rat über Rat über Rat, wie wir Mimi versuchen könnten zu helfen - und am Ende die große Ratlosigkeit, weil nichts half.
Sowas bringt alles aus dem Gleichgewicht. Selbst Kleinigkeiten werfen einen dann manchmal einfach aus der Bahn. Man denkt, man müsste stark genug sein, drüberzustehen - ist man manchmal aber einfach nicht. Vor allem nicht, wenn sich das alte Muster wieder abbildet: diesmal aus einem anderen Grund nicht rausgehen zu können, nicht vorwärts zu kommen, Konzentrationsstörungen kehren zurück, Albträume machen sich breit, man fühlt sich unwohl - mit sich selbst. ZACK, da sind wir wieder bei NULL.
Und dann? Dann kämpft man sich von NULL wieder hoch.
Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich es geschafft habe, einen viel zu langen Roman als Entspannungstherapie

fertigzustellen. Ich bin stolz auf mich, dass ich aufgrund vieler lieber Menschen Mimi und später auch Alice nicht aufgegeben habe und nicht daran zerbrochen bin. Daran zerbrochen, das Gefühl zu haben, nie genug zu sein. Für mich selbst und für die Welt.
Und ja, dann sind es auch Kleinigkeiten, die ich hier teile - wie Mimis Blähungen

Weil es einfach mal schön ist, wenn nichts ist. Oder nur solche Kleinigkeiten, die einem die Nasenhaare zwar wegflammen, aber einen gleichwohl zum Lachen bringen.
Ich bin dankbar für jeden Ratschlag, jeden sachlichen und/oder lieben Kommentar, mitfiebern, Herzchen werfen, wenn die Ladies ihre Flausen verbreiten

Und ich bin dankbar für Malice, die uns jeden Tag ein Lächeln aufs Gesicht zaubern - ob nun zusammen oder (gerade wenn es einer von beiden mal nicht so gut geht) auch nur eine.
Warum erzähle ich das? Nun... womöglich, weil mich vor nicht allzulanger Zeit eine sehr liebe Person sehr mit ihrer Offenheit inspiriert hat. Und weil ich einen langen, aber sehr guten Tag bei meinem Zweitjob hatte und mir echt gefällt, was ich dort mache

Uuuund weil ich das Gefühl habe, es geht nun endlich wieder nach vorn. Ich hoffe nun, nicht darum bangen zu müssen, was die nächste
Tierarzt-Rechnung sagt, wenn wir mit Alice mal wieder als Notfall in eine fast 2 Stunden entfernte Tierklinik düsen müssen

was natürlich nicht mehr passieren wird, Alice! *Mahnfinger*
So... Ich glaub, das war's für heute. Vielleicht kommen später noch Bilder unserer zwei Heldinnen ♥
Bilder von unseren Helden auf dieser Plattform, habe ich ja keine
