Interessantes und spannendes Thema, was ja an verschiedenen Orten und Diskussionen auch immer mal wieder aufkommt.
Ich bin Verhaltensökologe, Teil meines Studiums war Zootierbiologie, und ich habe schon in Zoos gearbeitet. Bei artgerechter Haltung stelle ich an Haustiere den gleichen Anspruch wie bei Zootieren mit einem wichtigen und nicht zu vernachlässigenden Punkt: Haustiere sind domestiziert. Ja, auch Katzen.
- Ursprung/Bezugsquelle: nicht wirklich Teil von "Haltung", aber der erste wichtige Schritt. Seriöser Züchter oder Tierschutz. Keine Vermehrer. Wir haben selber 3 Tierheim und eine Bauernhofskatze, in Zukunft würde ich aber, falls mir im Tierheim/Schutz nicht zufällig DIE Katze über den Weg läuft, immer den Weg zum Züchter gehen. Nicht, weil ich unbedingt eine Katze mit Papieren fürs eigene Ego will, sondern weil ich aus der Hundezucht kommend weiß, wie wichtig durchdachte Verpaarung ist, vor allem in Hinblick auf Erbkrankheiten und Wesen (ok, letzteres vermutlich bei Katzen nicht ganz so entscheidend wie bei Hunden). Ich würde aber auch immer wieder in Betracht ziehen, ein schon älteres oder gehandicapptes Tier zu nehmen, so es denn in die bestehende Runde passt. Wenn Kitten, nach Möglichkeit 12 oder mehr Wochen von Mutter sozialisiert, außer es ist ein Fundtier, aber nie zu frühe Trennung wenn Mutter vorhanden (was ja beim seriösen Züchte eh nicht der Fall sein sollte
- vernünftiges Futter. Präferiert BARF, was aber nicht jeder leisten kann (ich selber auch nicht, momentan). Kein Trockenfutter (nur als Leckerlis und nur hochwertiges)
-Platz. Es muss keine 100qm Wohnung sein (weil siehe übernächster Punkt), aber Haltung in einem einzelnen Zimmer ist ebenso ein No-Go. Ich möchte da keine konkrete Zahl dranschreiben. Ist auch etwas abhängig vom kätzischen Charakter.
- KEINE Einzelhaltung. Maximal Anzahl abhängig von Wohnungsgröße und Gruppendynamik.
- Enrichment. Sowohl physische als auch geistige Beschäftigungsmöglichkeiten und Abwechslung. Das können Kratzbäume sein, Spielzeug, Fenster zum rausgucken und beobachten. Katzen brauchen keine irre große Wohnung, aber sie brauchen Beschäftigung und Abwechslung, und wenn es nur die Möglichkeit ist, mehrmals am Tag den Schlafplatz zu wechseln oder es immer mal ein neues unbekanntes Spielzeug gibt, was es zu erkunden gilt. Sich jeden Tag mit der Katze beschäftigen (kuscheln, spielen, ....).
- Medizinische Versorgung
- Tiere sind KEIN Kinder-Ersatz und KEIN Kinderspielzeug. Sie dürfen natürlich mit Kindern zusammenwohnen, wenn diese entsprechend sich benehmen. Es gibt imho nichts schöneres und prägenderes als mit Tieren aufzuwachsen.
- Keine Vermenschlichung im Umgang bzw. vermeintlichen Erwartungshaltungen
Ich würde Freigang nicht mit als Kriterium dazuzählen, auch wenn das von vielen gerne als einzig wirklich artgerechte Haltung angesehen wird. Außer wenn die Katze es WIRKLICH und nachdrücklich von klein auf einfordert, würde ich sogar soweit gehen und sagen, dass ungesicherter Freigang eher nicht artgerecht ist. Wohngebiete, Autos, Hunde und Giftköder sind kein natürlicher Bestandteil des kätzischen Lebensraums - genau genommen wohnten die Vorfahren in Wüsten/Steppen und im Wald. Freigänger fressen zu Hause und töten dann unterwegs aus Spaß an der Freude einheimische Tiere. Auch das ist kein wirklich natürliches Verhalten. Surplus killing ist nicht ökologisch. Wenn ich im Zusammenhang mit Freigängern von "Freiheit" lese und dass es "schön für die Katze" ist, dann ist das eine unglaublich vermenschlichte Herangehensweise. Wie gesagt sollte man nie vergessen, dass Katzen trotz allem domestiziert sind. Klar, weniger stark als Hunde, sie sind aber auch nicht mehr die wilden Katzen von annodazumal, auch wenn das gerne als Argument herangezogen wird.
Sinneseindrücke wie Geräusche, Gerüche und Taktisches, die ein (am besten gesicherter) Freigang bieten kann, zählen für mich zum Punkt Enrichment. Je mehr desto immer besser, aber für mich kein generelles Ausschlusskriterium für "artgerecht", wenn man diese eben nicht bieten kann. Ein gesichertes Fenster, welches man öffnen kann, ist für mich allerdings Minimum.