Mein bis dahin schwerster Fall
Wie immer bei schönem Wetter fahre ich mit dem Rad zum Tierheim. Bis dahin sind es nur 5 Kilometer.
So auch in diesem Sommer 71. Der Weg zum Tierheim führt neben einer stark befahrenen Straße her.
An einem Montag, ich bin spät dran, radle ich wieder in Richtung Tierheim. Auf der Straße ist wie immer dichter Verkehr. Während einer Lücke im Autoverkehr höre ich eine Katze fürchterlich Jaulen. „Oh Gott“ denke ich, „da ist wieder eine Katze angefahren worden.“ Schnell stelle ich mein Rad an einen Busch und schaue mich um. Trotz des jetzt wieder fließenden Verkehrs höre ich die Katze jammern. Sie ist auf der anderen Straßenseite. Ich habe immer eine Umhängetasche bei mir, in dem sich ein Erste Hilfe Set für Tiere ist. Dieses Set habe ich mit Hilfe des Tierarzt zusammengestellt. Schnell greife ich zu dieser Tasche und trete an den Fahrbahnrand. Als eine Lücke im Autoverkehr ist, betrete ich die Fahrbahn und gehe bis zur Mitte der Straße. Dort lässt mich ein Autofahrer, der abbremst, über den Rest der Straße. Als ich dort ankomme sehe ich sofort die Katze die so laut jammert. Doch anscheinend ist diese nicht verletzt, sondern eine zweite Katze die dort liegt. Als ich mich nähere, fängt die unverletzte Katze an zu knurren und fauchen. Je näher ich komme umso bedrohlicher wird das Fauchen und Knurren. Ich fange mit der Katze an zu reden und diese hört wirklich auf zu fauchen. Auch das knurren wird weniger. Bei den beiden Katzen kniete ich mich auf den Boden und strecke langsam meine Hand aus. Sofort wird das knurren der Katze wieder lauter. Doch noch immer rede ich mit der Katze. Dann geht sie ein wenig zur Seite. Jetzt kann ich die andere Katze ganz sehen. Sie muss von einem Auto angefahren worden sein. So wie es aussieht, ist die Katze am Kopf verletzt, ebenso ist ihr linker Vorderlauf unnatürlich abgewinkelt. Sie blutet leicht aus der Nase. Ebenso blutet sie aus einer Wunde an der Schulter. Als ich die Katze berühre, legt die andere Katze mir eine ihrer Pfoten auf meine Hand. Ich schaue sie an. Ganz tief schaut sie mir in die Augen, so ist mein Gefühl. Ich sage zu der Katze: „ Ich werde alles tun um deinen Kumpel zu retten. Vertrau mir, es wird schon wieder.“
Da nahm die Katze ihre Pfote wieder zurück.
In diesem Moment erklang hinter mir eine Stimme: „ Können wir helfen? Was ist los?“ Ich schaute auf und sah einen Mann und eine Frau am Straßenrand stehen. Ich erklärte schnell was ich hier mache und die Frau meinte: „Wie können wir helfen?“ Schnell sagte ich ihr, das auf der anderen Straßenseite mein Rad steht. Auf diesem ist ein Korb befestigt und diesen brauche ich sofort. Der Mann drehte sich um und hob seine rechte Hand in dem er eine Polizeikelle hielt. Es war anscheinend eine Polizeistreife in Zivil die angehalten hatte. Der Verkehr stockte und der Mann konnte die Straße gefahrlos überqueren. Inzwischen kam die Frau zu mir und bückte sich ebenfalls. Ich untersuchte die Katze erst mal weiter. Dann holte ich eine Schmerzstillende Spritze aus meiner Umhängetasche und gab diese der Katze. Die andere Katze kam wieder und legte wieder eine Pfote auf meine Hand. Ich redete mit dieser Katze und wieder sah sie mir in die Augen. Inzwischen hatte ich schon gesehen, das diese Katze ein Kater war. Die verletzte Katze war ein Weibchen. Da kam der Mann mit meinem Korb zurück und stellte diesen auf den Boden neben mir. Ich nahm eine kleine faltbare Trage aus dem Korb und faltete diese Auseinander. Ich legte diese neben die Katze und bat den Mann diese unter die Katze zu schieben wenn ich diese angehoben habe. Das machte er sofort. Danach stand ich auf und hob die Trage mitsamt der Katze hoch. Die Frau griff nach meiner Tragetasche und hob diese auf. Der Mann fragte mich, was denn nun passieren würde und ich antwortete ihm, das ich nun schnell zum Tierheim fahren werde, wo ich die Katze behandeln könnte. Er fragte ob ich mit dem Rad fahren wolle und ich bejahte dieses. Da sagte er, wir nehmen den Wagen. Auch dieser stand auf der anderen Seite, jedoch in einer Einfahrt, so das dieser nicht den fließenden Verkehr behinderte. Der Mann hob wieder die Kelle und so konnten wir die Straße überqueren. Der Kater lief direkt neben meinen Beinen. Der Mann öffnete die hintere Tür des Wagens und sofort sprang der Kater in das Auto. Auch ich stieg ein. Der Kater legte wieder seine Pfote auf meinen Arm und schaute mich an. Ich sagte zu ihm: „Keine Angst! Jetzt schaffen wir das schon!“ Der Kater antwortete mit einem leisen Miauen. Nachdem der Mann auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte, befestigte er zunächst ein Blaulicht außen auf dem Wagen, dann startete er den Motor. Die Frau hielt den Verkehr auf und so konnte das Einsatzfahrzeug zurück auf die Straße. Schnell stieg auch die Frau in den Wagen und griff sofort zum Mikrophon des Funkgerätes. Dann sagte sie: „Hier ist Wagen XXXX! Wir befinden uns auf einer Notrettungsfahrt für ein Tier zum Tierheim! An der Unfallstelle auf der Kreisstraße xx bei Kilometer xxx befindet sich ein Fahrrad. Dieses gehört Frau Doktor?“ Sie schaute mich fragend an und ich sagte: „Ohne Doktor. Mein Name ist Gerda XXXXX“ Erstaunt sah sie mich an sagte aber in ihr Mikrophon: „Das Fahrrad gehört Frau Doktor XXXX. Dieses Fahrrad ist von einem anderen Wagen abzuholen und zum Tierheim zu bringen! Ende!“ Kurz vor der Einfahrt zum Tierheim kam uns ein anderer Polizeiwagen entgegen. Als dieser die Einfahrt zum Tierheim erreichte schaltete er sein Blaulicht ein und blieb stehen, so das wir ohne anzuhalten in die Straße, dazu mussten wir den Gegenverkehr kreuzen, die zum Tierheim führt einbiegen konnten. Am Tor zum Tierheim stand schon ein Mitarbeiter der dieses Tor öffnete. Von der Wache war das Tierheim schon angerufen worden. Der Wagen fuhr mit mir zusammen zum Katzenhaus in dem sich der Behandlungsraum befindet. Als ich ausstieg sah ich die Tierheim-Leiterin heran eilen. Sofort rief ich, das der Tierarzt alarmiert werden solle. Die Tierheim-Leiterin drehte sofort wieder um und lief zum Telefon. Während dessen lief ich schon mit dem Korb auf dem Arm durch die Tür des Katzenhauses. Der Kater lief wieder neben mir her. Auch die beiden Zivilbeamten folgten mir und brachten meine Sachen mit. Ich stellte den Korb mit der Katze auf den Behandlungstisch und nahm die Trage auf der sich die Katze befand aus dem Korb. Der Mann nahm den Korb von Behandlungstisch und stellte diesen auf den Schreibtisch. Der Kater sprang ebenfalls auf den Behandlungstisch und setzte sich ganz am Ende dieses hin. Schnell untersuchte ich die Katze. Sie schien massive Kopfverletzungen zu haben. In diesem Moment kam die Tierheim-Leiterin in den Raum und sagte, das der Tierarzt nicht da sei, er sei bei einen Einsatz auf einem Bauernhof.
Ich erschrak, denn nun stand ich zum ersten mal alleine vor solch einem Problem. Doch ich hoffte, das die Ausbildung beim Tierarzt ausreichen würde um diese Katze zu retten. Schließlich habe ich auch die Prüfung vor der Tierarzt-Kommission bestanden. Da ich im Wagen schon gesagt hatte das ich kein Tierarzt bin, bat ich die Tierheim-Leiterin die beiden Zivilbeamten aufzuklären.
Vorsichtig begann ich die Katze im Kopfbereich zu untersuchen. Auch ihren Vorderlauf untersuchte ich. Dieser schien einen Trümmerbruch zu haben. Aber nur eine Röntgenaufnahme kann mir etwas Genaueres sagen. Ich lief in den Nebenraum in dem der alte Röntgenapparat des Tierarzt aufgebaut werden sollte. Der Mechaniker war noch am Arbeiten. Ich fragte ihn, ob man den Apparat schon benutzen könne. Er meinte im Prinzip schon, aber er ist noch nicht richtig am Boden befestigt und auch die Strahlungssicherheit ist erst zu 50% fertig. Das war mir egal. Schnell holte ich die Katze und legte diese auf den Röntgentisch. Wieder folgte der Kater. Zusammen mit dem Mechaniker bereitete ich dann die erste Aufnahme vor. Er schloss noch eine Fernbedienung für das Gerät an, dann verließen wir den Raum und ich machte die Aufnahme vom Kopf des Tieres. Anschließend wurde noch eine Aufnahme aus einem anderen Winkel gemacht, auch das Vorderbein wurde mehrfach geröntgt. Während ich die Aufnahmen entwickelte, trug die Tierheim-Leiterin die Katze wieder in den Behandlungsraum. Wieder ging der Kater mit und er setzte sich wieder auf den Behandlungstisch.
Nachdem die Aufnahmen entwickelt worden waren, betrachtete ich diese genau. Die Katze hatte einen Schädelbruch, der Unterkiefer war gebrochen. Am Vorderlauf war wie ich schon vermutete, der Knochen mehrfach gebrochen sowie das Schulterblatt gebrochen. Sofort machte ich mich an die Arbeit und bereitete die OP vor. Dabei half mir die Tierheim-Leiterin und auch die Zivilbeamtin ging mir zur Hand. Der Kater sprang vom Behandlungstisch und setzte sich auf den Schreibtisch. Ich setzte eine Narkosespritze dann behandelte ich zunächst den Unterkiefer und richtete diesen. Als dieses geschehen war, kümmerte ich mich um den Schädelbruch, jedoch kann man hier nicht viel machen.
Den Vorderlauf mitsamt dem Schulterblatt behandelte ich an einem Stück. Alles wurde wieder in die richtige Position gebracht und genagelt. Anschließend bekam sie einen festen Verband. Die ganze OP dauerte fast drei Stunden.
Als ich fertig war und endlich hochblickte sah ich zunächst in die Augen des Tierarzt. Ich lächelte ihn an, dann wendete ich mich an den Kater und sagte ihm, das er nun wieder zu seiner Freundin könne. Er verstand mich und sprang wieder auf den Behandlungstisch. Vorsichtig legte er sich zu seiner Freundin und fing an zu schnurren. Ich streichelte ihn über den Kopf. Dann wandte ich mich an den Tierarzt um ihm zu erzählen was ich alles getan hatte. Doch der Tierarzt unterbrach mich schon nach den ersten Worten. Er sagte: „Ich bin schon seit fast 1,5 Stunden hier. Ich habe dich angesprochen, doch du warst so konzentriert, das du nicht reagiert hast. Da habe ich dich machen lassen. Nur ab und zu habe ich dir das richtige Werkzeug gegeben, wenn die Tierheim-Leiterin nicht wusste welches gemeint war. Aber du hast alles richtig gemacht. Jetzt können wir nur hoffen, das alles gut wird.“ Danach gratulierte er mir zu meiner ersten OP, bei dem keiner geholfen habe. Auch alle anderen gaben mir ihre Hand und gratulierten. Die beiden Zivilbeamten waren schon kurz nach Beginn der OP wieder gefahren.
Ich setzte mich auf einen Stuhl und legte meinen Arm auf den OP-Tisch. Da kam der Kater und legte mir wieder seine Pfote auf den Arm, dabei schaute er mir wieder in die Augen. Diesmal war es aus Dankbarkeit. Wir hielten wohl 2 Minuten stumme Zwiesprache. Dann ging der Kater wieder zu seiner Freundin. Diese war inzwischen aus der Narkose erwacht. Auch sie schaute mich dankbar an. Eine Mitarbeiterin holte einen großen Katzenkorb und legte die Katze vorsichtig hinein. Dann brachte sie den Korb mit der Katze in einen Nebenraum, wohin der Kater folgte und er sich auch in den Korb legte. Die Mitarbeiterin stellte noch etwas Futter und zu trinken neben den Korb, damit der Kater etwas Essen konnte. Jedoch hatte er dazu momentan keine Lust. Wir verließen das Katzenhaus und gingen zum Büro der Leiterin. Dort redeten wir noch lange zusammen.
Gegen Abend kamen auch die beiden Polizisten wieder um sich nach dem Befinden der beiden Katzen zu erkundigen. Ich ging zusammen mit den beiden zu den Katzen. Der Kater hatte inzwischen etwas gefuttert. Auch der Katze schien es gut zu gehen. Schnell Untersuchte ich diese und war mit ihrem Zustand zufrieden. Die beiden Beamten meinten, das sie den ganzen Tag über an die beiden Katzen gedacht hatten. Auch die Zentrale hatte schon nachgefragt wie es den Katzen ginge. Jetzt wollten sie erst mal Kontakt mit der Zentrale aufnehmen und das gute Gelingen mitteilen. Beide reichten mir die Hand und gingen dann zu ihrem Fahrzeug.
Die Katze erholte sich relativ schnell von ihren Verletzungen. Jedoch musste sie noch mehrere Wochen auf der Krankenstation bleiben. Die ganze Zeit war der Kater in ihrer Nähe. Zwischenzeitlich wurde der Kater durch den Tierarzt Kastriert. Dabei stellte der Tierarzt fest, das der Kater etwa 4 Jahre alt war. Die Katze war im gleichen Alter. Auch sie wurde Kastriert, obwohl der Tierarzt feststellte, das sie noch nie Kitten zur Welt gebracht hatte. Auch kamen die beiden Beamten von Zeit zu Zeit um nach dem Gesundheitszustand der Katze zu fragen. Anschließend gaben sie immer eine Meldung an ihre Zentrale durch und teilten die guten Ergebnisse den dort zuhörenden Beamten mit. Die Katze wurde fast vollständig gesund. Nur war sie leicht am Humpeln, was sie aber wohl nicht störte.
Nach einem halben Jahr, wurden die beiden Katzen vermittelt. Die beiden Beamten nahmen sie mit um den Katzen in der Zentrale ein neues Zuhause zu geben. Dort lebten die Katzen bis zu ihrem Tod und wurden im Garten der Zentrale beerdigt. Von den Beamten der Zentrale wurden immer wieder zwei Katzen aus unserem Tierheim geholt um in ihrer Zentrale ein neues Zuhause zu finden.